Nach vier Problemjahren sieht IATA-Generaldirektor Giovanni Bisignani erstmals wieder Anlass für vorsichtigen Optimismus. Dennoch sehen sich zahlreiche Fluglinien weiterhin mit großen Herausforderungen konfrontiert. Die Problembereiche wurden im Rahmen der IATA-Jahreskonferenz in Paris ausführlich diskutiert. Das FLUG MAGAZIN war mit dabei.


IATA GRUND FÜR VORSICHTIGEN OPTIMISMUSDer IATA-Generaldirektor sieht durchaus Gründe für eine positive Zwischenbilanz. Mit den Auswirkungen von 9/11, dem Kostendruck der Low Cost Carrier und nicht zuletzt einem ständig steigenden Ölpreis konfrontiert, haben viele Fluglinien ihre Hausaufgaben gemacht. Noch vor wenigen Jahren, resümiert Bisignani, hätte es niemand für möglich gehalten, dass Fluglinien mit einem Ölpreis von über 60 Dollar leben können. Mehr noch, die Zahl der Fluglinien die trotz dieser Belastung Gewinn schreiben steigt ständig. Grund dafür ist eine konsequente Kostenreduktion seitens der Airlines. Gespart wird an allen Ecken und Enden. Dennoch sieht Bisignani Raum für weitere Verbesserungen.

Ein wesentlicher Faktor in diesem Zusammenhang die die vollständige Umsetzung des E-Ticketing Programms bis Ende nächsten Jahres. Alle 261 IATA-Fluglinien sind aufgefordert, diese Initiative umzusetzen. Etwa die Hälfte des Weges ist bereits erreicht. Probleme gibt es aber noch bei Interlining-Tickets sowie in einigen Ländern wie beispielsweise Russland. Die IATA sieht allerdings keine Möglichkeit, nach der Deadline weiterhin ihrer Rolle als Clearingstelle für Papiertickets nachzukommen. Bisignani ortet in diesem Bereich ein hohes Einsparungspotenzial. Die Kosten für ein Ticket lassen sich auf diese Weise von zehn auf nur einen Dollar reduzieren.
 

TREIBSTOFF BLEIBT UNSICHERHEITSFAKTOR

Trotz steigender Passagierzahlen und Umsätze bleibt der Treibstoffpreis weiterhin Unsicherheitsfaktor Nummer Eins. Bisignani rechnet damit, dass die Fluglinien im laufenden Jahr nochmals 21 Milliarden Dollar an Mehrkosten zu verkraften haben werden. Die Gesamtrechnung, so die Schätzungen der IATA, wird mit 110 Milliarden Dollar eine neue Rekordhöhe erreichen. Und das trotz einem um 21 Prozent verminderten durchschnittlichen Treibstoffverbrauch.

Besonders eng, so der Grundtenor der teilnehmenden Airlinevertreter, wird es für Fluglinien werden, die keine Kostenabsicherungsmaßnahmen (Hedging) gesetzt haben. Idris Jala, Managing Director an Malaysia Airlines und seinerseits mit hohen Verlusten im vergangen Jahr konfrontiert, bringt die Problematik auf den Punkt in dem er meint, dass in diesem Umfeld Gewinne allein von der Hedging-Strategie anhängig seien. Treibstoffzuschläge alleine würden bei weitem nicht ausreichen, um die Mehrkosten ausgleichen zu können. Dem entsprechend rechnet Bisignani denn auch heuer wieder mit Verlusten in der Größenordnung von drei Milliarden Dollar. Optimistischer zeigt sich der Generaldirektor für das nächste Jahr. Vorausgesetzt dass die Treibstoffkosten nicht weiter steigen, sollte sich erstmals in dieser Dekade wieder ein Gewinn ausgehen. Dazu wird es aber notwendig sein, betont Bisignani mit Nachdruck, dass auch die anderen Leistungsträger ihren Beitrag zur Steigerung der Effizienz des „Systems Luftfahrt“ leisten. Harte Worte findet der Generaldirektor für die Flughäfen. Zwar setzen immer mehr Flughäfen und Transparenz und Kosteneffizienz und geben die damit einher gehenden Einsparungen auch an ihre Airlinekunden weiter; es gebe aber auch weiterhin genug Airports die ihre Monopolsituation ausnutzen.

Mit New York/Newark nennt Bisignani den teuersten Flughafen weltweit beim Namen. Dessen Tarife liegen um 60 Prozent über jenen des Luftverkehrsdrehkreuzes Chicago. Besorgt zeigt sich Bisignani auch über die Situation in Paris. Die Betreibergesellschaft ADP steht unmittelbar vor der Privatisierung und hat ihr Preisniveau seit 2001 um 26 Prozent angehoben. Noch im Rahmen der IATA-Jahreskonferenz konnte EU-Verkehrskommissar Jacques Barrot eine Initiative zur Regelung der oft sehr unterschiedlich gehandhabten Tarifproblematik verkünden. Eine klare Absage erteilte Bisignani auch den immer wieder von europäischer Seite geäußerten steuerlichen Begehrlichkeiten: „Es kann nicht sein, dass Flugtickets wie Luxusgüter besteuert werden.“

Viel Raum für Kosteneinsparungen ortet die IATA auch bei der Flugsicherung. 10 Prozent der Flugsicherungskosten können durch Effizienzsteigerungen eingespart werden, meinen unisono die Airline CEOs. So sieht etwa Lufthansa CEO Wolfgang Mayrhuber eine große Diskrepanz zwischen den technischen Möglichkeiten an Bord der Flugzeuge und den Flugsicherungseinrichtungen am Boden: „Die Flaschenhälse in der Luft müssen dringend beseitigt werden.“ Aufgerufen sei auch die Politik, endlich das seit mehr als 20 Jahren diskutierte Projekt „Single European Sky“ in die Praxis umzusetzen.

Stark macht sich die IATA auch für das Thema Sicherheit. So müssen Fluglinien, um in die IATA aufgenommen zu werden sich einer eingehenden Überprüfung, der so genannten IOSA-Zertifizierung, unterziehen. Es könne aber nicht sein, konkretisiert Bisignani, dass der Anteil Afrikas an den weltweiten Flugunfällen in Relation zu seinem Verkehrsaufkommen so hoch sei. Während Afrika nur vier Prozent des Flugverkehrs generiert, ereignet sich jeder vierte Unfall auf dem Schwarzen Kontinent. Erstmals nennt der Generaldirektor auch Länder, in denen der Sicherheitsstandard besonders besorgniserregend sei. Dabei handelt es sich um den Kongo, Sierra Leone, Äquatorial Guinea und Swaziland. Eine Auflistung, die sich mit den Erkenntnissen der Europäischen Union deckt, die ihrerseits erst vor wenigen Wochen eine „Blacklist“ unsicherer Airlines veröffentlicht hat. Auch diese Liste wird von afrikanischen Fluglinien dominiert.

Trotz eines weiterhin schwierigen Umfeldes steuern die IATA-Fluggesellschaften einem neuen Rekordergebnis entgegen. Allein in den letzten beiden Jahren konnten die Airlines die Passagierzahlen um ein Viertel auf über zwei Milliarden steigern. Und auch im laufenden Jahr sind die Airlines ungebrochen auf Wachstumskurs unterwegs.

(Ausgabe 06/2006)