Die Liberalisierungspolitik der indischen Regierung zeigt Früchte. Gemeinsam mit China verzeichnet der Subkontinent die weltweit höchsten Zuwachsraten im Luftverkehr. Um langfristig erfolgreich zu sein, gilt es aber auch Herausforderungen zu meistern.

Die Liberalisierung brachte nicht nur für die indischen Fluglinien Vorteile. Zahlreiche neue Destinationen und Flugfrequenzen finden sich in den Flugplänen der europäischen Airlines. Allein zwischen Indien und Großbritannien hat sich die Zahl der Flüge innerhalb weniger Jahre versechsfacht. Für die weitere Zukunft ortet Praful Patel, der Luftfahrtminister des Landes, weiterhin gute Perspektiven. So nutzen erst zehn Millionen Inder das Flugzeug als Transportmittel. Minister Patel erwartet daher für die nächsten Jahre durchschnittliche Zuwachsraten von 25 Prozent. Die private Konkurrenz, allein voran Jet Airways, Kingfisher und Air Deccan haben sich auf die neue Situation bereits gut vorbereitet. So hat Jet Airways erst kürzlich den Mitbewerber Sahara übernommen. Eine Zustimmung der Wettbewerbsbehörden gilt als Formsache.

Zusammen erreichen die beiden Airlines einen Marktanteil von 45 Prozent. Mit Wolfgang Prock-Schauer steht ein Österreich als CEO an der Spitze dieser rasch expandierenden Fluglinie. Mit London hat Jet Airways zum Jahreswechsel ihre erste Destination in Europa in den Flugplan aufgenommen. Brüssel wird schon demnächst als zweite Destination folgen. „Weitere Flugziele auf dem Alten Kontinent befinden sich bereits in der Planungsphase“, kündigt Europamanager Abraham Joseph an. Mit einer Zusammenlegung der im staatlichen Eigentum stehenden Air India und Indian Airlines zieht die Regierung jetzt nach. Vasudevan Thulasidas, der Managing Director von Air India rechnet damit, dass die Fusion der bisher getrennt operierenden Fluglinien innerhalb von ein bis zwei Jahren abgeschlossen sein wird.

Herausforderungen bleiben

Ein Problem ortet Luftfahrtminister Patel im Infrastrukturbereich. Besonders die Flughäfen Dehli und Mumbai seien mit dem starken Wachstum überfordert. Dem entsprechend befinden sich bereits Pläne für neue Flughäfen in der Ausarbeitung. In diesem Bereich sucht die Regierung die Zusammenarbeit mit privaten Anbietern. Darüber hinaus sollen weitere Flughäfen für internationale Flüge geöffnet werden. Bereits jetzt betont Minister Patel, gibt es 15 internationale Flughäfen. Schon in naher Zukunft sollen es 35 sein.

Benötigt werden aber auch neue Flugzeuge. „Derzeit gibt es in Indien“, resümiert Minister Patel, „nur rund 220 Verkehrsflugzeuge.“ Und das bei einer Bevölkerung von 1,1 Milliarden Menschen. Die indischen Fluglinien haben auf das rasante Wachstumstempo bereits reagiert und mehr als 300 neue Flugzeuge bei Boeing und Airbus in Auftrag gegeben. Das Spektrum reicht dabei von Turboprops des Typs ATR bis hin zum Mega-Airbus A380. Letzterer wurde von Kingfisher bestellt. Mit Flugzeugen allein wird sich die Lücke aber nicht schließen lassen. Das Land braucht auch dringend qualifiziertes Cockpitpersonal. Um die neuen Flugzeuge auch einsetzten zu können benötigen die Fluglinien in den nächsten Jahren 3.500 Piloten. Allein Jet Airways benötigt innerhalb der nächsten beiden Jahre 1.000 Piloten. Zwar laufen bereits Ausbildungsprogramme zur Heranbildung eines eigenen Pilotennachwachses. Kurzfristig lässt sich der Bedarf aber nur auf dem internationalen Markt decken. Und hier stehen die indischen Fluglinien in erster Linie in Konkurrenz zu Golfairlines wie Emirates, Etihad oder Qatar Airways.

Wie auch die Golffluglinien mit ihren Drehkreuzen am Arabischen Golf und einem dichten Angebot an Destinationen in Indien sich um die Gunst der Passagiere bemühen. So versucht die Fluglinie Sri Lankan, deren Hauptanteilseigner widerum Emirates ist, Colombo als Gateway für den indischen Subkontinent aufzubauen. „Durchaus mit Erfolg“, wie Sri Lankan CEO Peter Hill betont. Anders als viele indische Fluglinien verfüge Colombo über eine funktionierende Infrastruktur für Transferpassagiere, meint Hill: „Für Sri Lankan ist der Verkehr von und nach Indien ein wichtiges wirtschaftliches Standbein.“

Noch auf viele Jahre hinaus wird Indien gemeinsam mit China ein wichtiger Wachstumsmotor der Weltluftfahrt bleiben. Umso bedeutender wird es sein, die vorhandenen „Bottlenecks“ rasch zu entfernen. Nur mit einer funktionierenden Infrastruktur werden die indischen Fluglinien in der Lage sein, sich in einem liberalisierten Umfeld behaupten zu können.

(Ausgabe 06/2006)