Der Luftverkehr in Europa wächst kräftig. Derzeit verzeichnet Eurocontrol täglich rund 30.000 Flüge. Bis 2020 wird sich die Anzahl der Flugbewegungen auf rund 18 Millionen pro Jahr nahezu verdoppeln. Die derzeitigen Infrastruktureinrichtungen werden nicht in der Lage sein, diesen Verkehr zu bewältigen, meint Eurocontrol - Generaldirektor Victor M. Aguado im Gespräch mit FLUG MAGAZIN.

Der Eurocontrol - Generaldirektor ortet gleich mehrere Problembereiche. Nicht nur die Luftraumüberwachung stößt auf die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit. Auch die Flughäfen werden schon in den nächsten Jahren immer stärker mit kapazitätsbedingten Verspätungen konfrontiert sein. Aguado hat die Kosten der Ineffizienz bereits sehr genau berechnet. Zumindest eine Milliarde Euro kostet allein die Fragmentierung des europäischen Luftraumes. Die Rechnung dafür haben die Fluglinien und damit indirekt die Passagiere zu zahlen. „Die Ursachen des Problems sind seit vielen Jahren bekannt“, betont Aguado im Gespräch mit FLUG MAGAZIN: „36 Staaten teilen sich den europäischen Luftraum und mit ihnen existieren 36 unterschiedliche technische System. Darüber hinaus verkomplizieren die militärischen Anforderungen von 36 verschiedenen Luftwaffen die Situation.“ Doch es gibt auch Grund zur Hoffnung. Die EU bekennt sich zum „Single European Sky“. Allein der Weg dorthin gestaltet sich langwierig.

Bis 2009 sollen im Rahmen des SESAR-Projektes, einer Kooperation zwischen Eurocontrol und Kommission, die Anforderungen definiert werden. Aguado bezeichnet das SESAR-Projekt als fundamental für die Zukunft der europäischen Zivilluftfahrt. Aus heutiger Sicht, präzisiert der Eurocontrol-Generaldirektor, wird das neue Luftraumkontrollsystem satellitengestützt arbeiten. Darüber hinaus rechnet Aguado mit einer Konsolidierung des europäischen Himmels. Das von den Benelux-Staaten gemeinsam betriebene Kontrollcenter Maastricht sei in diesem Zusammenhang ein Beispiel. Demnach werde sich die Luftraumkontrolle in Zukunft nicht mehr an nationalen Grenzen orientieren. Vielmehr gehe es darum, so genannte „Functional Blocks of Airspace“ zu schaffen – große Kontrollbereiche die von nur einem Center abgedeckt werden. Lobende Worte findet Aguado in diesem Zusammenhang für das zentraleuropäische CEATS-Projekt (Central European Air Traffic Services), an dem Austro Control wesentlich beteiligt ist. Obwohl sich das ambitionierte Tempo verlangsamt hat und wie es aussieht der eine oder andere Staat aus dem Projekt ausscheiden wird, gilt CEATS als richtungweisend.

Neuer Impuls für CEATS

Erst vor wenigen Tagen wurde am Rande einer EU-Ministerratssitzung für Verkehr und Telekommunikation eine wichtige Weichenstellung zu einer gemeinsamen europaweiten Flugsicherung vorgenommen. Unter Federführung des österreichischen Verkehrsministers Hubert Gorbach konnte Österreich Bosnien-Herzegowina, Ungarn und die Slowakei für eine gemeinsame Übereinkunft gewinnen. Bereits 1999 wurde CEATS durch Eurocontrol in Auftrag gegeben. Wien wurde als Standort für die Zentrale der Zentraleuropäischen Flugsicherungsdienste ausgewählt. Die Unterzeichnung entspricht einem „politischen commitment“, wie Gorbach resümiert. Der Minister sieht darin einen neuen Impuls für das Projekt und geht von einer raschen Umsetzung aus. Eigentlich sollte CEATS bereits 2007 seinen Probebetrieb aufnehmen. Probleme auf politischer Ebene sorgten aber zuletzt für zahlreiche Verzögerungen. Ursprünglich war vorgesehen, die Kontrolle des oberen Luftraumes von acht zentraleuropäischen Staaten in Rahmen von CEATS zu bündeln. Während vier Staaten sich jetzt für eine Umsetzung entschlossen haben, bleibt die weitere Vorgehensweise der Tschechischen Republik, Kroatien, Italien (für den norditalienischen Luftraum) und Slowenien das Projekt unklar.

Dr. Heinz Sommerbauer, Generalsekretär der Austro Control, schließt im Gespräch mit dem FLUG MAGAZIN eine Teilnahme von Tschechien, Kroatien und Slowenien zu einem späteren Zeitpunkt nicht endgültig aus. Definitiv von Bord gegangen sei hingegen Italien. Dr. Sommerbauer: „Wichtig ist, dass das Projekt nach der politischen Grundsatzentscheidung auf die operationelle Ebene der Flugsicherungsdienstleister gestellt wird.“ Die lange Nachdenkpause hat aber auch noch andere Seiten. So wird die für Fischamend nach wie vor geplante Errichtung einer gemeinsamen Flugsicherungszentrale jetzt erst am Ende des Entwicklungsprozesses stehen. „Zuerst werden wir Fragen wie eine sinnvolle interne Vernetzung zwischen den Partnern festlegen und erst wenn wir diese und ähnliche Themen abgeschlossen, und die internen Synergien ausgeschöpft sind, kommt die gemeinsame Zentrale“, resümiert Sommerbauer.

Darüber hinaus sei jetzt gewährleistet, dass alle Partnernationen und Eurocontrol als gleichberechtigte Partner an CEATS mitwirken, wobei Eurcontrol als Projekt-Unterstützer fungiert. Kritische Stimmen gibt es von Seiten der Fluglinien. So warnt etwa die AUA vor einer weiteren Zunahme der Komplexität der Luftraumorganisation. Ursprünglich sollte CEATS ausschließlich für die Kontrolle des Luftraumes ab einer Höhe von 9.000 Metern zuständig sein. Ziel müsse es sein, die Komplexität und damit die Kosten für die Luftverkehrskontrolle zu reduzieren. Dieser Forderung wird laut dem Generalsekretär von Austro Control bereits Rechnung insofern getragen, als dass der untere Luftraum schrittweise in das CEATS-System eingebunden werden soll. Wie Sommerbauer betont, unterstützt die IATA als Dachverband der internationalen Fluglinien unter den neuen Voraussetzungen dieses Vorhaben. Und dass Austro Control seine Hausaufgaben in Sachen Effizienzsteigerung gemacht hat, zeigen nicht zuletzt die jüngsten Zahlen. Bereits Mitte 2005 hat der österreichische Flugsicherungsdienstleister die Streckengebühren um knapp sechs Prozent gesenkt. Noch deutlicher fällt die Senkung für das laufende Jahr aus. Mit einer Unit Rate von 59 Euro wird Austro Control 8,5 Prozent unter der Gebühr des Vorjahres liegen und damit – wie angestrebt – einen Platz im europäischen Mittelfeld einnehmen. Die An- und Abfluggebühren wurden noch deutlicher, um 12 Prozent auf 198 Euro gesenkt.

Das eine derartige Entwicklung nicht selbstverständlich ist, zeigt ein Blick über die Grenze: In Deutschland sieht sich die Deutsche Flugsicherung (DFS) mit einem bilanztechnischen Problem konfrontiert. Um Pensionsrückstellungen von 780 Millionen Euro unterbringen zu können, will die DFS die Gebühren um 13 Prozent anheben. Schon jetzt liegen aber die Streckengebühren der DFS über jenen der Austro Control.

Christian Pöchacker (06/2006)