Einen Durchbruch verzeichneten kürzlich die über Jahre festgefahrenen Verhandlungen über einen gemeinsamen Luftverkehrsmarkt zwischen Europa und den Vereinigten Staaten. Im März nächsten Jahres tritt das Open Sky Abkommen in Kraft. Die Fluglinien beider Kontinente erhalten einen freien Zugang zu den jeweils anderen Märkten.

Die Verhandlungspartner auf beiden Seiten des Atlantiks klingen euphorisch, wenn sie davon ausgehen, dass sich durch das neue Abkommen die Zahl der Passage bis 2013 um 50 Prozent erhöhen wird. Erfreulich für die Passagiere, sollte Open Sky eine Kostenersparnis von 15 Milliarden (!) Euro mit sich bringen. Experten sprechen bereits von einem bevorstehenden Preiskampf zwischen den Fluglinien. Durch das neue Abkommen kann beispielsweise jede EU-Fluglinie von jedem beliebigen Mitgliedsland in die Vereinigten Staaten fliegen. So könnte beispielsweise die heimische AUA von Mailand oder Paris nach New York fliegen. Tatsächlich profitieren werden wohl nur große europäische Fluglinien wie eine Lufthansa oder Air France. Sie verfügen über den notwendigen finanziellen Rückhalt um den Wettbewerb in interessante Drittmärkte zu tragen. So ist durchaus vorstellbar, dass eine Lufthansa sich die Schwäche der Alitalia zunutze macht und Nonstopflüge zwischen Italien und den USA anbietet. EU-Verkehrskommissar Jacques Barrot geht denn auch davon aus, dass das Abkommen zu einer Konsolidierungswelle innerhalb der europäischen Luftfahrt führen wird. Andererseits rechnet Barrot damit, dass dadurch in Europa 80.000 neue Jobs entstehen werden.

Während große Märkte, wie etwa Großbritannien, von der Öffnung der Märkte profitieren werden, sollten in Österreich kaum Auswirkungen zu bemerken sein. Die AUA verfügt derzeit nicht über die Kapazitäten und das Geld in Drittmärkte einzusteigen. Andererseits scheint für amerikanische Fluglinien der österreichische Markt zu klein, um neue Flüge anzubieten. Mit Delta wagt jetzt erstmals wieder ein US Fluglinie den Einstieg in den hiesigen Markt. Am deutlichsten spürbar werden wohl die Veränderungen in London, dem wichtigsten europäischen Transatlantikgateway. British Airways erzielt mehr als die Hälfte ihrer Gewinne auf den Nordatlantikrouten. Und hier ist es vor allem die Business Class, die einen Großteil des wirtschaftlichen Erfolges ausmacht. British Airways CEO Willi Walsh rechnet aber nicht damit, dass die Ticketpreise für die Business Klasse sinken werden. Tim Bye, stellvertretender CEO von BMI, geht hingegen sehr wohl davon aus, dass die Business-Tarife unter Druck geraten werden. Andererseits ist nicht davon auszugehen, dass sich die ohnehin niedrigen Preise für Economy-Tickets weiter reduzieren werden. BMI, kündigt Chairman Sir Michael Bishop an, wird die Chancen von Open Sky nutzen und ab dem kommenden Jahr weitere Flüge in die Vereinigten Staaten anbieten.

STUFE ZWEI

Die völlige Freigabe der Verkehrsrechte ist nur ein erster Schritt zur völligen Liberalisierung der beiden Märkte. Stufe Zwei umfasst die gegenseitige Beteiligung und die Übernahme von Fluglinien in den jeweils anderen Märkten. Ein Bereich, in dem bisher vor allem die USA als Bremser unterwegs waren. Bisher konnten europäische Fluglinien maximal 25 Prozent an den Stimmrechten einer US Fluglinie erwerben. Eine mehrheitliche Übernahme war nicht möglich. Beide Seiten haben sich jetzt bis 2010 Zeit gegeben, um dieses Hindernis aus dem Weg zu räumen. Sollte es bis dahin zu keinem konkreten Ergebnis gekommen sein, hat die europäische Seite die Möglichkeit, US Fluglinien Flugrechte in Europa wieder zu entziehen. British Airways hat bereits angekündigt, die Vorteile von Stufe Zwei nützen zu wollen. Für CEO Willi Walsh würde die Übernahem eines US Mitbewerbers oder Allianzpartner durchaus Sinn machen. Immerhin ist der Nordatlantik der wichtigste Markt der Fluglinie.

Welche Auswirkungen das Open Sky-Abkommen längerfristig auf die beiden Märkte haben wird, bleibt abzuwarten. Auf jeden Fall stellt Open Sky einen wichtigen Liberalisierungsschritt der beiden größten Luftverkehrsmärkte der Welt dar und könnte wegweisend für die Zusammenarbeit mit anderen Kontinenten sein.

(Christian Pöchhacker 05/2007)