Nach den zahlreichen negativen Schlagzeilen rund um die Verzögerungen des Mega-Airbus A380, sieht sich nun auch der amerikanische Flugzeugbauer mit seinem Dreamliner mit Problemen konfrontiert. Schon musste der ursprünglich für August dieses Jahres vorgesehene Erstflug auf das erste Quartal 2008 verschoben werden.

Dreamliner mit VerzögerungenDie Erstauslieferung an die japanische ANA, ursprünglich für Mai nächsten Jahres vorgesehen, wird sich um mindestens sechs Monate verzögern. Die als Dreamliner bezeichnete Boeing 787 ist seit der Triple Seven, die in den Neunziger Jahren konzipiert wurde, das erste völlig neue Flugzeugmuster des amerikanischen Herstellers. Entsprechend ambitioniert ist das Entwicklungsprogramm. Kein anderes Flugzeug zuvor wurde mit einem derart hohen Maß an neuen Technologien ausgestattet wie der Dreamliner. Nach mehreren Fehlstarts wie einer Neuentwicklung des Jumbo Jets, der 747-X, und des schallnahen „Sonic Cruisers“ scheint Boeing mit der 787 einen echten „Winner“ konzipiert zu haben. Einmal mehr spielt dabei die Wirtschaftlichkeit eine Schlüsselrolle. Das in verschiedenen Varianten für bis zu 300 Passagiere ausgelegte Flugzeug ist dank einer sehr großzügigen Verwendung von Verbundwerkstoffen das leichteste und damit auch treibstoffsparendste Flugzeug seiner Klasse.

Erstmals wird ein Großteil eines Flugzeuges aus Verbundwerkstoffen anstelle von Metall gefertigt sein. Damit ist die 787 um rund 20 Prozent leichter als etwa die 767 oder der Airbus A330. Laut Boeing soll der Kerosinverbrauch um 20 Prozent pro Sitzplatz niedriger sein. Zudem konnten dank der Verwendung neuer Triebwerkstechnologien nicht nur wesentliche Verbesserungen bei den Schadstoffemissionen sondern auch in Sachen Lärmentwicklung erzielt werden. Anders als heute in Verwendung befindliche Triebwerke geben die von Rolls Royce und General Electric angebotenen Antriebe für die 787 keine Zapfluft für die Klimaanlage und Hydrauliksysteme ab. Stattdessen haben sie Generatoren, die auch als Elektromotoren zum Anlassen der Triebwerke dienen. Bei anderen Typen wird dazu Druckluft von der Hilfsturbine (APU) eingesetzt. Die Klimaanlage wird ebenfalls elektrisch betrieben. Nicht nur dass die neuen Triebwerke effizienter sind, wird dank einem neuem Triebwerksdesign mit einer neuartigen Düse, der sogenannten chevron nozzle, durch die bessere Durchmischung der heißen Abgase und der kalten Fanluft eine wesentliche Verringerung der Lärmsignatur erreicht.

Auch die Passagiere an Bord werden von den Technologien des 21. Jahrhundert profitieren, verspricht Boeing. So werden die Fenster mit 48x28 Zentimetern größer sein als in jedem anderen Flugzeug. Die Fenster lassen sich dabei individuell elektronisch abdunkeln, ebenfalls eine Novität. Für die Kabinen-Beleuchtung werden ausschließlich Leuchtdioden verwendet – diese lassen sich nicht nur stufenlos in ihrer Helligkeit regeln, sondern es können sogar Farbvariationen vorgenommen werden. Und nicht zuletzt wird der Kabinendruck dem Luftdruck in einer Höhe von 1.830 Metern über dem Meer entsprechen. Das sind 600 Meter weniger als in herkömmlichen Flugzeugen. Und auch die Luftfeuchtigkeit wird mit rund 15 Prozent wesentlich höher sein als in den Kabinen heutiger Flugzeuge. Features, die zu einem entspannteren Langstreckenflug beitragen sollten.

AUSTRIAN ALS POTENTIELLER KUNDE

Die Fluglinien ließen sich von den Verkaufsargumenten Boeings überzeugen. Mit mehr als 600 Bestellungen noch vor dem Erstflug ist der Dreamliner das mit Abstand erfolgreichste Flugzeug seiner Klasse. Mit der 787 verfolgt Boeing ein Konzept, das mehr Nonstopflüge auch zwischen sekundären Langstreckendestinationen vorsieht, während Airbus mit dem A380 auf den Verkehr zwischen den großen Luftverkehrsdrehkreuzen setzt. Und wie Airbus bereits zugibt, hat Boeing seinen europäischen Mitbewerber mit seinem neuen Flugzeug überraschen können. Galt Airbus bisher als technologischer Vorreiter der Industrie hat Boeing mit der 787 seine Hausaufgaben mehr als nur gemacht. Der Dreamliner setzt in seiner Klasse neue Standards, die Airbus mit dem bereits überarbeitet A350 XWB erst einmal erreichen muss. Und noch einen Vorteil hat Boeing gegenüber Airbus. Der Dreamliner hat, trotz aller Verzögerungen, einen Zeitvorsprung von fünf Jahren. Während Boeing die ersten 787 aller Voraussicht nach noch 2008 an die Erstkunden ausliefern wird, werden sich die Kunden von Airbus noch bis 2013 gedulden müssen. Erst dann wird der A350 XWB dem Dreamliner ernsthaft Konkurrenz machen können.

Zur Zeit von beiden Flugzeugherstellern sehr umworben, sieht sich das Management der Austrian Gruppe. Möglicherweise noch in diesem Jahr wird sich der heimische Flag Carrier für einen Nachfolger für die Boeing 767 entscheiden. Nach dem Verkauf der A330 und A340 Langstreckenflotte setzt Austrian auf der Langstrecke nur mehr Boeing Flugzeuge der Typenreihen 777 und 767 ein, während im Mittelstreckenbereich Flugzeuge des europäischen Herstellers überwiegen. Nachdem die 767 nicht mehr der neuesten Flugzeuggeneration entspricht, wird neben dem Preis möglicherweise auch der Liefertermin eine bedeutende Rolle spielen. Und dabei hat Boeing gegenüber dem Mitbewerber Airbus eindeutige Vorteile. Man darf also gespannt sein, wie sich Austrian entscheiden wird.

Christian Pöchhacker (10/2007)