Das Ende der Flag Carrier - Die europäische Luftfahrt im UmbruchÜber viele Jahrzehnte leistete sich jeder europäische Staat seinen eigenen Flag Carrier. Sie galten als nationales Aushängeschild und wichtige Verbindung mit dem Rest der Welt. Doch die Liberalisierung des Luftverkehrs hat einen entscheidenden Umbruch eingeleitet. Das Zeitalter der Flag Carrier ist unwiederbringlich zu Ende.

Der ehemals fliegerische Stolz von Ländern wie der Schweiz oder Belgien ist längst vom Thron gestürzt. Aus der Swissair wurde Swiss, aus Sabena Brussels Airlines. Und dass bei einer Schweizer Airline eines Tages nicht mehr Schweizer das Sagen haben, hätte bis vor wenigen Jahren wohl kaum jemand für möglich gehalten. Doch die Dinge ändern sich. Und das durchaus mit wirtschaftlichem Erfolg, wie das Beispiel Swiss zeigt. Seit die Lufthansa im Cockpit der Swiss Platz genommen hat, geht es wieder steil bergauf. Während hierzulande der Langstreckenverkehr redimensioniert und Flugzeuge verkauft werden, stockt die Swiss ihre Langstreckenflotte auf.

Die Lufthansa und Swiss sind nicht die einzigen Beispiele in Europa, wie man aus ehemaligen Flag Carriern eine wirtschaftlich erfolgreiche Fluglinie bündelt. Auch Air France und KLM sind unter einem gemeinsamen Holdingdach am liberalisierten Luftfahrthimmel Europas überaus erfolgreich unterwegs. Sind die vor wenigen Jahren aufgestellten Prophezeiungen, dass es in Europa nur mehr drei bis vier große Airlines geben wird, damit in Griffweite gerückt? Alles deutet darauf hin. Denn auch ehemals undenkbare Szenarien wie der Verkauf der italienischen Alitalia stehen unmittelbar vor dem Abschluss.

Quo Vadis Alitalia

Schon in den nächsten Wochen will die italienische Regierung den Verkauf eines Hälfteanteils absegnen. Die besten Karten scheint Air France-KLM zu haben. Nicht zuletzt wohl auch deshalb, weil Air France Chef Jean-Cyril Spinetta bei der Übernahme der niederländischen KLM viel Fingerspitzengefühl gezeigt hat. Ihm traut die italienische Regierung scheinbar zu, mit den notorisch widerspenstigen Gewerkschaften fertig zu werden. Eine Alternative zu einem Verkauf steht nicht zur Debatte. Scheitern die Verkaufsbemühungen abermals, ist ein Konkurs unausweichlich. Überhaupt scheint Air France-KLM im europäischen Übernahmepoker sehr gute Karten zu haben.

Jüngst wurde die Airline auch als potenzieller Käufer für die ebenfalls zum Verkauf stehenden spanischen Fluglinie Iberia ins Spiel gebracht. Aus dem Bieterprozess bereits zurückgezogen hat sich hingegen One World Partner British Airways. Im Gegenzug will die britische Fluglinie die neuen Flugfreiheiten zwischen Europa und den Vereinigten Staaten nutzen und den europäischen Festlandfluglinien mit Abflügen ab großen Drehkreuzen wie Brüssel und Paris kräftig Konkurrenz machen. Andere Länder halten nach wie vor an ihren Flag Carriern fest. Eigenständigkeit und nicht Verkauf lautet die oberste Devise. Zu diesen Ländern gehört auch Österreich mit der Austrian Gruppe. Erfolgreich auf Sanierungskurs unterwegs, bleibt aber abzuwarten, ob diese Strategie auch langfristig erfolgreich sein wird.

 

Marktkonsolidierung in Deutschland

Auch in Deutschland, einem der größten Flugmärkte in Europa, dreht sich das Konsolidierungskarussell immer schneller. Nachdem Air Berlin durch die Übernahme von dba und LTU an kritischer Masse zugelegt hat, vergrößert sich rund um den Marktführer Lufthansa der zweite große Airlineverbund des Landes. Lufthansa und TUI beabsichtigen, ihre Low Cost Aktivitäten zu bündeln. Bisher war Germanwings als Low Cost Tochter des Deutschen Kranichs unterwegs. Durch die Bündelung der Aktivitäten beabsichtigt der Touristikkonzern TUI seine zuletzt in Bedrängnis gekommene deutsche Billigflugtochter TUI fly zu stärken. Einen erfolgreichen Abschluss der Verhandlungen vorausgesetzt, könnte die neue große deutsche Billigfluglinie schon im nächsten Jahr abheben. Der deutsche Flugmarkt wäre in diesem Fall wohl endgültig konsolidiert. Dominiert von den beiden großen Airlineblöcken Lufthansa und Air Berlin bleibt dann wohl nur mehr wenig Platz für kleine Nischencarrier

War die Jahrtausendwende noch von den großen Airlineallianzen geprägt, so scheint sich in Europa jetzt das große Übernahmekarussell in Bewegung zu setzen. Es wird sich munter weiterdrehen. Und am Ende wird aus der großen Zahl der nationalen Flag Carrier nur mehr eine Handvoll von großen Fluglinien ähnlich wie in den Vereinigten Staaten den Ton angeben. Nur eine Besonderheit wird sich in Europa wohl erhalten: Die weiterhin von nationalem Stolz geprägten Heckflossen. Denn auch auf der Heckflosse eines Swiss-Flugzeuges wird man vergeblich nach dem Kranich suchen. Die Lufthansa-Tochter Swiss trägt stolz das Schweizer Kreuz in die Welt.

Christian Pöchhacker (02/2008)