Als Wachstumsmarkt der Zukunft präsentiert sich Indien. Mit jährlichen Passagierzuwächsen im zweistelligen Bereich gilt Indien neben China als der am schnellsten wachsende Luftfahrtmarkt der Erde. Dem entsprechend verzeichnen indische Fluglinien einen noch nicht gesehenen Boom. Eine Konsolidierung unter den zahlreichen Fluglinien scheint jedoch unausweichlich.

 

Wachstumsmarkt indienBereits übernommen hat die größte private indische Fluglinie Jet Airways ihren Mitbewerber Sahara. Wie Wolfgang Prock-Schauer, österreichischer CEO von Jet Airways, im Gespräch mit FLUG MAGAZIN Online hervorhebt, ist Sahara jetzt als Jet Lite als Low Cost Tochtergesellschaft unterwegs. Finanzielle Turbulenzen waren auch mit ein Grund für die Übernahme von Air Deccan durch Kingfisher. Für Kingfisher öffnet Air Deccan das Tor zu Auslandsdestinationen. Indische Fluglinien erhalten erst nach fünf Jahren die Genehmigung für Flüge in das Ausland. Und auch die beiden staatlichen Fluglinien Air India und Indian Airlines haben ihre Aktivitäten verschmolzen. Wie Wolfgang Prock-Schauer hinweist, dominieren drei große Airlinegruppierungen den indischen Markt. Marktführer mit einem Anteil von jeweils rund 30 Prozent sind die beiden privaten Fluglinien Jet Airways mit Jet Lite sowie Kingfisher mit Air Deccan. Danach folgt Air India/Indian Airlines mit einem Marktanteil von 18 Prozent. Den Rest teilen sich kleinere Fluglinien wie die ambitionierte Spicejet. Die rasch wachsende Spicejet wird aber auch schon wieder als Übernahmekandidat gehandelt.

Liberalisierter Markt

Noch bis vor wenigen Jahren war Indien ein streng reglementierter Markt. Private Fluglinien gab es kaum. Die staatlichen Fluglinien Air India und Indian Airlines dominierten den Flugverkehr in einem der bevölkerungsreichsten Länder der Erde. Während Air India für die Auslandsfluglinien zuständig war, kümmerte man sich bei Indian Airlines um die Inlandsflüge. Ein wesentlicher Grund für die Öffnung des Marktes war der zunehmende Druck durch ausländische Fluggesellschaften. Speziell die Fluglinien des Arabischen Golfes wussten die vielfältigen Möglichkeiten einer sich rasch entwickelnden Volkswirtschaft zu nutzen. Aber auch Fluglinien wie eine Lufthansa, Air France oder die heimische AUA haben in Indien einen lukrativen Markt entdeckt. Eine neue Dynamik geht jetzt von den indischen Fluglinien aus. Und hier ist es vor allem die überaus ambitionierte Jet Airways, die ihr Auslandsangebot immer weiter ausbaut.

So kündigt Prock-Schauer im Gespräch mit FLUG MAGAZIN Online bereits weitere Neuigkeiten im Netzwerk an. Innerhalb der nächsten Monate wird die Airline über Shanghai nach San Franzisko fliegen. Auf diesen Flügen wird die Airline als einzige ausländische Fluglinie Passagierrechte zwischen China und den USA haben. Wie Prock-Schauer betont, stehen die Gespräche mit China kurz vor dem Abschluss. Zufrieden zeigt sich der CEO von Jet Airways mit der Entwicklung des europäischen Hubs in Brüssel. So erfreuen sich die Flüge über Brüssel nach New York-Newark einer Auslastung von 75 Prozent. New York-JFK und Toronto befinden sich hingegen noch in der Aufbauphase. Weitere Destinationen in Europa befinden sich in Planung. Prock-Schauer nennt in diesem Zusammenhang Mailand und Paris als mögliche neue Flugziele. Für den Aufbau der Langstrecken hat die Fluglinie einiges an Geld in die Hand genommen. Das hat dazu geführt, dass bei einem Umsatz von 1,7 Milliarden U.S. Dollar in den ersten neun Monaten des noch bis März laufenden Geschäftsjahres ein Verlust nach Steuern von acht Millionen Dollar verbucht werden musste. Angesichts eines akkumulierten Verlustes aller indischen Fluglinien von bis zu 700 Mio. Dollar sieht man sich bei Jet Airways aber sehr gut aufgestellt. Prock-Schauer erwartet, dass es in den nächsten Jahren zu einer nachhaltigen Konsolidierung in der indischen Luftfahrt kommen wird.

Allianzen

Als einer der wichtigsten Wachstumsmärkte der internationalen Luftfahrt, ist die Kooperation mit einem lokalen Partner für die großen Airlineallianzen von großer Bedeutung. Ein Bereich, in dem die Star Alliance die Nase vorn zu haben scheint. Mit Air India sichert sich Star einen wichtigen Partner am Subkontinent. Bis nächstes Jahr soll die mehrheitlich im staatlichen Besitz befindliche Fluglinie dem weltgrößten Airlineverbund beitreten. Eine andere Strategie verfolgt Jet Airways, wie CEO Prock-Schauer im Gespräch mit tip erläutert. Die größte private indische Fluglinie setzt auf punktuelle Kooperationen. So wurde erst kürzlich mit American Airlines ein weit reichendes Abkommen abgeschlossen. Als weitere Beispiele nennt Prock-Schauer die australische Qantas und Air Canada. Gut vorstellen kann sich der ehemalige Austrian-Manager auch eine Zusammenarbeit mit der heimischen AUA. Prock-Schauer bezeichnet das dichte Osteuropanetzwerk der AUA als sehr interessant. Voraussetzung wäre allerdings eine Abstimmung der Flüge zwischen Indien und Österreich. Die AUA fliegt in Indien Dehli und Mumbai an, beides Hauptbasen von Jet Airways.

Infrastruktur wird ausgebaut

Ein Flaschenhals für die künftige Entwicklung des indischen Marktes ist die veraltete Infrastruktur sowohl in der Luft als auch am Boden. Für Prock-Schauer zeichnen sich aber bereits erste Verbesserungen ab. So werden die Kapazitäten der Flugsicherung schrittweise erweitert. Während in Europa ein Abstand von drei bis vier Meilen zwischen anfliegenden Flugzeugen üblich ist, lag der indische Standard lange Zeit bei elf Meilen. Derzeit bewegt man sich bei sechs bis sieben Meilen, konkretisiert Prock-Schauer. Ein weiteres Problem ist die veraltete Flughafeninfrastruktur. Aber auch in diesem Bereich beginnen die Modernisierungsarbeiten zu greifen. Ein Beispiel ist der Flughafen von Dehli. Bereits im August wird eine zweite parallele Piste in Betrieb genommen. Ein neues Terminal für den Inlandsflugverkehr befindet sich in Bau. Prock-Schauer rechnet mit einem Zweijahreshorizont, bis sich die neue Infrastruktur auf den täglichen Flugbetrieb positiv auszuwirken beginnt.

Eine weitere Herausforderung ist die Rekrutierung von geeignetem Pilotennachwuchs. Die indischen Fluglinien haben sich in den letzten Jahren zu Großabnehmern der beiden Flugzeughersteller Airbus und Boeing gemausert. So erhält allein Jet Airways jedes Monat ein neues Großraumflugzeug. Aber auch in diesem Bereich sieht sich die Airline mit seinem österreichischen CEO gut vorbereitet. Derzeit beschäftigt die Fluglinie mit ihren 80 Flugzeugen rund 1.100 Piloten. 250 davon sind sogenannte Expatriates. Unter ihnen finden sich wiederum zahlreiche Österreicher, die in einem der wichtigsten Luftverkehrsmärkte der Welt einen Job mit Zukunft gefunden haben.

Christian Pöchhacker (02/2008)