Die hohen Treibstoffkosten und die Kreditkrise stellen die internationale Luftfahrt vor große Probleme. Man spricht bereits von der schlimmsten Krise seit den Terroranschlägen im September 2011. Die Fluglinien reagieren mit einer großangelegten Rücknahme der Kapazitäten.

Luftfahrt in der KriseIn einer Studie zeichnet das auf Reisestudien spezialisierte britische Unternehmen OAG ein düsteres Szenario für die weltweite Luftfahrt. OAG geht davon aus, dass die Fluglinien bereits im vierten Quartal dieses Jahres ihre Kapazitäten massiv reduzieren werden. So sollen demnach 59,7 Millionen weniger Flugsessel zur Verfügung stehen als noch im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Bereits mit Beginn des Winterflugplanes wird die Anzahl der Flüge um sieben Prozent zurück gefahren. Besonders betroffen davon ist der amerikanische Markt. Für die Vereinigten Staaten rechnet OAG mit einer Kapazitätsrücknahme im Ausmaß von 20 Millionen Flugsesseln. Mit einem Anteil von einem Drittel zeigt sich der amerikanische Markt einmal mehr besonders stark von den negativen Auswirkungen betroffen. Besonders die großen amerikanischen Netzwercarrier reduzieren in der nachfrageschwächeren Wintersaison ihr Angebot. Betroffen davon ist auch Wien. Delta Airlines wird ihre Flüge zwischen Wien und Atlanta zumindest über den Winter einstellen.

Noch wächst der Verkehr zwischen Europa und Nordamerika. Allerdings haben sich die Zuwachsraten auch hier dramatisch vermindert. Nur mehr um ein bzw. zwei Prozent legen Flugfrequenzen und Kapazitätsangebot zu. Und auch Europa und Asien können sich von dieser Entwicklung nicht abkoppeln. Fluglinien in beiden Märkten reduzieren ihre Kapazitäten. OAG geht davon aus, dass die asiatischen Carrier, mit Ausnahme Chinas, ihre Kapazitäten um 13 Prozent verringern werden. So hat beispielsweise die japanische Fluglinie JAL angekündigt, ihre Flüge zwischen London und Osaka ab dem Frühjahr nächsten Jahres einstellen zu wollen. Als Grund werden einmal mehr die hohen Kerosinkosten angeführt.

Die OAG stellt in diesem Zusammenhang eine enge Verbindung zwischen der globalen Wirtschaftentwicklung und des Luftverkehrsmarktes her. Bei durchschnittlichen Wachstumsraten von drei bis vier Prozent über einen Zehnjahreszeitraum wurde der Wachstumstrend in der letzten Dekade zwei Mal unterbrochen. Einmal auf Grund der negativen Auswirkungen nach den Anschlägen vom 11. September 2001 und der SARS Krise in Asien. Jetzt droht das Verkehrswachstum der letzten Jahre durch die hohen Kerosinpreise verloren zu gehen. Allein die Kapazitätsrücknahmen in Asien kompensieren das Marktwachstum der letzten drei Jahre. Und das in einem Markt, der als die geographische Wachstumsregion der Welt gilt. Die OAG geht in ihren Prognosen sogar soweit, von der schlimmsten Krise in der Geschichte des Luftverkehrs zu sprechen. Eine Entwicklung, die auch die Flughäfen zunehmend zu spüren bekommen. Nicht weniger als 275 Flughäfen weltweit, meint die OAG in ihrer Studie, werden alle Linienverbindungen verlieren. Davon befinden sich 32 in den Vereinigten Staaten und 116 in der Asien/Pazifik Region.

Effizientere Flugzeuge als Ausweg

Und auch beim prognostizierten Flottenwachstum setzt die OAG Studie den Rotstift an. Die Schätzungen für den Bedarf neuer Flugzeuge über die kommende Zehnjahresperiode wurden gleich um 3.500 Einheiten zurück genommen. Auch in diesem Fall sind die Trend bereits erkennbar. So hat United einen fest vergebenen Auftrag für neue Airbus-Flugzeuge kürzlich storniert. Die geleisteten Anzahlungen sind verloren. Auch Boeing hat seine Prognose für den Bedarf neuer Flugzeuge bis zum Jahr 2027 reduziert. Nach 36.400 neuen Flugzeugen sieht Boeing in seiner jüngsten Prognose einen Bedarf für 35.800 neue Verkehrsflugzeuge. Auf Basis einer aktuellen Flottengröße von weltweit rund 19.000 Verkehrsflugzeugen rechnet Boeing mit jährlichen Zuwachsraten im Ausmaß von 3,2 Prozent. Trotz der gegenwärtigen Krise geht Boeing Marketingmanager Randy Tinseth davon aus, dass sich der Luftverkehr nach einer Schwächephase wieder positiv entwickeln wird. Als unterstützende Faktoren sieht Tinseth die weitere Liberalisierung der Luftverkehrsmärkte, einen langfristigen positiven Wachstumstrend der Weltwirtschaft und nicht zuletzt den Bedarf an neuen, wesentlich effizienteren Flugzeugen.

Sowohl Boeing als auch Airbus gehen davon aus, dass um das Jahr 2020 herum eine neue Generation von Mittelstreckenflugzeugen zur Verfügung stehen wird, die wesentlich Treibstoffsparender sein werden als die heuten Airbus A320 und Boeing 737. Konkret sieht Boeing einen Bedarf von 2.510 Regionalverkehrsflugzeugen im Wert von 80 Milliarden US Dollar. Hier sieht der amerikanische Flugzeugbauer eine sinkende Nachfrage. Boeing geht davon aus, dass die Fluggesellschaften verstärkt größere Flugzeuge einsetzen werden. Die größte Nachfrage sehen sowohl Boeing als auch Airbus im Mittelstreckensegment. Hier gilt es die langsam in die Jahre kommenden A320 und 737 zu ersetzen. 19.160 Flugzeuge sollten die Fluglinien laut Boeing bis 2027 bestellen. Im Großraumbereich unterscheidet Boeing die Klassen Boeing 777/787 bzw. Airbus A330/340/350 sowie die Klasse Boeing 747/Airbus A380. Während Boeing für das erstere Segment einen Bedarf von 6.750 Flugzeugen prognostiziert, geht man bei den Flaggschiffen der jeweiligen Erzeuger von einem Bedarf von 980 Einheiten aus. Boeing spricht in diesem Zusammenhang von einem kleinen, aber wichtigen Markt. Ein Markt, in dem Airbus mit dem A380 bereits wichtige Erfolge verbuchen konnte während die modernisierte Version der Boeing 747 einen schwierigen Start hat.

Kurzfristig pessimistisch, langfristig positiv – so könnte man die zitierten Studien zusammenfassen. Wie Boeing richtig resümiert, hat der Luftverkehr seit seinen Anfängen schon viele Krisen gesehen. Auch wenn das Wachstum kurzfristig einbricht, langfristig bleiben die Aussichten intakt.

Christian Pöchhacker (08/2008)