1b Report aus ParisTraditionell sind die großen Luftfahrtausstellungen in Le Bourget bei Paris und Farnborough ein wichtiges Stimmungsbarometer der Luftfahrtbranche. Entsprechend gedrückt zeigt sich Le Bourget, das in diesen Tagen sein 100jähriges Jubiläum begeht. Keine neuen Flugzeugprojekte, keine Redkordbestellungen sind Ausdruck einer gebeutelten Industrie.

Dabei geht es den großen Herstellern von Flugzeugen noch vergleichsweise gut. Sowohl Boeing als auch Airbus sitzen auf komfortablen Auftragspolstern. Allein Airbus hat noch 2.400 Bestellungen in seinen Büchern stehen. Damit sind die Montagestraßen für die nächsten sechs Jahre ausgelastet. Umsomehr, als die Fluglinien angesichts einbrechender Nachfragezahlen damit beginnen, Aufträge zu stornieren oder Auslieferungen zu verschieben. So haben es so manche Kunden des Mega-Airbus A380 mit einem Male gar nicht mehr so eilig, ihre neuen Flaggschiffe zu erhalten. Und auch Boeing muss bei seinem Erfolgsmodell 787 Abstriche hinnehmen. Erst kürzlich hat die russische Fluglinie Sibir, im vorigen Jahr noch potentieller AUA-Käufer, ihre Bestellungen für den Dreamliner storniert. Und so sieht man in Le Bourget wenig neues. Der A380 sorgt zwar noch immer für Aufsehen, befindet sich aber bereits bei Singapore Airlines, Emirates und Qantas im Einsatz. Air France wird noch heuer als vierter Kunde ihre ersten beiden Mega-Airbusse erhalten. Währenddessen arbeitet Boeing fieberhaft daran, den Dreamliner endlich in die Luft zu bekommen. Einzig wirklich neuer Airliner in Paris ist der russische Sukhoi Superjet 100, ein Regionalflugzeug für 90 Passagiere. Das ambitionierte Flugzeugprojekt sorgte auch mit einer Rekordbestellung der ungarischen Malev für Aufsehen. Die nunmehr in russischem Mehrheitseigentum stehende Fluglinie will 30 Superjet 100 im Wert von rund einer Milliarde US Dollar kaufen. Das erste Flugzeug soll bereits 2011 an Malev ausgeliefert werden. Aeroflot und Armavia zählen zu den Erstkunden dieses Flugzeugs. Anfang 2010 soll das erste Serienflugzeug an Armavia ausgeliefert werden. Während bei der letzten Paris Air Show vor zwei Jahren noch stolz Bestellungen für 425 Flugzeuge verkündet werden konnten, fällt die diesjährige Bilanz wesentlich bescheidener aus. Traditionell ein Heimspiel für den europäischen Flugzeugbauer Airbus, musste sich auch dieser in Paris heuer bescheidener geben. Trotz alledem konnte Airbus Aufträge für 58 neue Flugzeuge im Wert von 6,4 Milliarden US Dollar bekannt geben. Bestellungen kamen von Qatar Airways für 24 Flugzeuge der A320-Familie. Weitere 16 A321 wurden von Vietnam Airlines geordert, während die malaysische Billigfluglinie Air Asia X 10 A350-900 Langstreckenjets bestellte. Weitere kleinere Aufträge kamen von Cebu Pacific, Aigle Azur und Zest Air.

DER KAMPF DER GIGANTEN

Traditionell lieferten sich die beiden Konkurrenten Airbus und Boeing wieder einen Showdown. Dabei ging es weniger um die Ankündigung neuer Bestellungen, bei denen Airbus einmal mehr die Nase vorne hatte, sondern vielmehr um die geplanten Neuentwicklungen. Noch Mitte Juni hatte Boeing Chef Scott einen Erstflug des Dreamliners 787 für Ende des Monats angekündigt. Doch wenige Tage vor Ablauf dieser Frist musste der amerikanische Flugzeugbauer neuerlich Probleme mit seinem Prestigeprojekt eingestehen. Diesmal führt ein technisches Problem an der Tragflächen-Rumpfverbindung zu unvorhersehbaren Verzögerungen. Wann nunmehr der bereits mehrfach verschobene Erstflug stattfinden wird, bleibt unklar. Für Airbus kommen diese Verzögerungen nicht ganz ungelegen, können die Europäer jetzt durch Umplanungen verlorene Zeit beim Konkurrenzmodell A350XWB wieder gut machen. Der Erstflug dieses für Airbus äußerst wichtigen Flugzeugprojekts ist für 2013 vorgesehen. Während Boeing beim Dreamliner bereits erste Abbestellungen hinnehmen muss, wächst vorerst das Orderbuch des A350. 483 Bestellungen von 30 Kunden konnte Airbus bereits bekannt geben. Keine Sorgen braucht sich auch Boeing zu machen. 850 Dreamliner sind fest bestellt. Sorgen machen Boeing vielmehr die großen Verzögerungen. Zwei Jahre ist Boeing bereits im Verzug. Und während die neuen Langstreckenflugzeuge weiter auf sich warten lassen, erfreuen sich der Airbus A330 und die Boeing 767 neuer Nachfrage. Besonders der Airbus A330 erlebt eine Renaissance. Virigin zählt zu den neusten Kunden, die dieses Flugzeug jetzt geordert haben. Ein weiteres Programm, das Boeing Sorgen bereitet ist die neueste Jumbo Version 747-8. Trotz mehrjährigen aktiven Verkaufsbemühungen konnte erst ein Airlinekunde für die Passagierversion gewonnen werden. 20 Exemplare hat die Lufthansa bestellt. Mehrere Kunden gibt es hingegen für Fracht- und VIP-Version. Angesichts der schleppenden Nachfrage hat Boeing auch dieses Programm auf Sparflamme gesetzt. Der Erstflug ist nunmehr für Ende des Jahres geplant. Lufthansa wird ihre erste 747-8I nun nicht wie geplant Ende 2010 sondern erst im dritten Quartal 2011 erhalten. Bedeckt halten sich die beiden Hersteller was die Pläne für die Nachfolge der bewährten Boeing 737 und Airbus A320 angeht. Während immer mehr Fluglinien Druck auf die großen Hersteller ausüben um wirtschaftlichere Nachfolger für die schön langsam in die Jahre kommenden Mittelstreckenflugzeuge zu entwickeln, bleiben die Hersteller bei ihrem kommunizierten Zeitplan, der eine Indienststellung um das Jahr 2020 herum vorsieht. In der Zwischenzeit unterlaufen die bewährten Muster punktuelle Modernisierungsprogramme. Verfeinerungen am Rumpf und Verbesserungen am Triebwerk ermöglichen weitere, wenn auch bescheidene, Treibstoffeinsparungen. Neue Kabineneinrichtungen sorgen für mehr Komfort und ein verbessertes Raumgefühl. Nicht zuletzt warten Airbus und Boeing auf die neue Triebwerksgeneration, die dann Treibstoffersparungen in der Größenordnung von bis zu 20 Prozent ermöglicht. Erst dann, und darin sind sich Hersteller und Kunden einig, rechne sich eine Neuentwicklung, die viele Milliarden Euro an Investitionskosten verschlingt.

In einem sind sich Hersteller und Airlines aber einig. Auch diese Delle, so schmerzlich sie im Augenblick auch sein mag, wird vorüber gehen. Vorerst vorüber sein werden die Jahre mit Rekordbestellungen. Noch 2008 konnte Airbus 777 Flugzeuge verkaufen. Heuer sind erst Bestellungen für 56 Jets eingegangen. Dem gegenüber stehen 21 Stornierungen. Eine ähnlich dürftige Bilanz weist Boeing aus. Dennoch sehen die Hersteller bereits erste Anzeichen für eine Erholung. So sieht Scott Carson, Chef der Boeing-Zivilprogramme, Gründe, die auf einen Beginn einer Erholung im kommenden Jahr hoffen lassen. Schon immer sah sich die Luftfahrtbranche mit Krisenszenarien konfrontiert. Den letzten massiven Einbruch bescherten die Terroranschläge von 9/11 im September 2001. Doch nach dem Einbruch kam stets die Erholung. Und so rechnen sowohl Boeing als auch Airbus mittelfristig wieder mit durchschnittlichen Zuwachsraten von 5 %. Entsprechend optimistisch zeigen sich die Hersteller denn auch, wenn es um den Bedarf neuer Verkehrsflugzeuge geht. Airbus geht davon aus, dass bis 2027 rund 24.000 neue Flugzeuge gebraucht werden. Ganz ähnlich schauen die Prognosen von Boeing aus. Und so haben trotz aller Sorgen 150.000 Fachbesuchers und 200.000 Flugzeugfans Le Bourget besucht.

Christian Pöchhacker (180709)