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Im Visier des TerrorsNach dem misslungenen Bombenattentat auf ein Flugzeug der Delta Airlines fliegt die Angst vor Terroranschlägen wieder mit. Als Resultat dieses Anschlagversuchs werden die Sicherheitsbehörden wohl noch weiter aufrüsten. Der sogenannte „Nacktscanner“ befindet sich bereits in aller Munde und wird als Allheilmittel gegen jegliche Art des Terrors bald auf jedem Flughafen dieser Welt zu finden sein. Mit einer vollkommen anderen Art der Bedrohung beschäftigt sich dieser Artikel.

Die verstärkten Sicherheitsmaßnahmen auf den Flughäfen und in den Flugzeugen selbst machen es potenziellen Terroristen mittlerweilen immer schwerer möglich, Anschläge unmittelbar an Bord zu verüben oder Flugzeuge als Waffen zu missbrauchen. Aber auch die Bedrohung durch tragbare Boden-Luft Lenkwaffen ist nicht so neu wie man vielleicht annehmen könnte. Immerhin 28 Zivilflugzeuge wurden in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten das Ziel von Lenkwaffenangriffen. Eine ernsthafte Bedrohung ist also nicht von der Hand zu weisen. Mehr als eine halbe Million dieser leicht zu handhabenden Waffen wurden bisher weltweit produziert. Israelische Sicherheitsexperten gehen davon aus, dass 20 Terrororganisationen über derartige Waffensysteme verfügen. Mit einem Preis von rund 25.000 Euro sind tragbare Fliegerabwehrraketen nicht nur vergleichsweise billig, sondern auch leicht zu beschaffen. Insbesondere russische Systeme der Baureihen SA-7 und SA-14 finden sich in den Arsenalen zahlreicher Dritter Welt Armeen. Selbst amerikanische Stinger-Raketen befinden sich mit großer Wahrscheinlichkeit in den Händen von Terroristen. Dabei waren es die Vereinigten Staaten selbst, die die afghanische Mujahedin in den Achtziger Jahren großzügig mit modernen Waffen belieferten. Doch nicht alle Stinger wurden im Kampf gegen die damalige russische Besatzungsmacht verwendet und so ist anzunehmen, dass die eine oder andere Lenkwaffe über die Taliban ihren Weg zur Al-Qaeda gefunden hat.

 

DER ANSCHLAG VON MOMBASA

Erst 150 Meter Höhe hatte die Boeing 757 der israelischen Fluggesellschaft Arkia am 28. November 2002 erreicht, als zwei Boden-Luft Raketen des russischen Typs SA-7 auf das Flugzeug abgefeuert wurden. Möglicherweise war es das Alter der Raketen, möglicherweise eine kurzfristige Sonnenreflexion am Rumpf oder an den Tragflächen, die einen fatalen Treffer verhinderten. Auf jeden Fall entgingen die Menschen an Bord nur um Haaresbreite einer Katastrophe. Gerade in der Start- und Landephase sind Passagierflugzeuge ein leichtes Ziel. Selbst wenn die Piloten die Gefahr erkennen würden, wäre ein Ausweichmanöver nur wenige Meter über dem Boden schwer möglich. Dennoch gibt es auch im Falle eines Treffers eine reelle Überlebenschance. So wiegt der Sprengkopf einer SA-7 nur ein Kilogramm. Bleibt der Schaden auf den Ausfall eines Triebwerks beschränkt, kann das Flugzeug seinen Flug vorerst gefahrlos fortsetzen.. Eine größere Bedrohung stellen modernere Lenkwaffen wie die des Typs SA-14 dar. Nicht nur, dass sie dank effektiverer Infrarotsensoren zielsicherer sind, wurde das Gewicht des Sprengstoffs auf zwei Kilogramm verdoppelt. Israel hat bereits die Konsequenzen aus dem Terroranschlag von Mombasa gezogen und wird sämtliche Verkehrsflugzeuge des Landes mit defensiven Schutzeinrichtungen ausrüsten. Dafür zahlen wird die Regierung, die für die notwendigen Modifikationen 40 Mio. US Dollar bereit stellt. Der praktisch in permanentem Kriegszustand befindliche Staat reagiert damit nicht nur auf den fehlgeschlagenen Anschlag, sondern auch auf eine Studie, die bereits vor dem 28. November in Auftrag gegeben wurde Diese Studie kommt zu dem Schluss, dass die Bedrohung durch tragbare Boden-Luft Lenkwaffen ernst zu nehmen ist

 

DIE ANTWORT AUF EINE ERNSTE BEDROHUNG

Können die Fluglinien die finanzielle Last von mehr als einer Million Euro pro Flugzeug, verkraften, die eine Modifikation kosten würde, oder ist dem Staat, sprich dem Steuerzahler, diese Rechnung zuzumuten. Möglicherweise gibt es aber auch alternative Schutzszenarien, die weniger Kosten würden. Die kostengünstigste Lösung wäre eine rigorose Überwachung der Anflug- und Abflugschneise über die Grenzen des Flughafens hinaus. Durch ihre begrenzte Reichweite können tragbare Lenkwaffen nur während Start und Landung eingesetzt werden. Das beste Ziel geben Flugzeuge beim Start ab. Die heißen, mit vollem Schub laufenden Triebwerke, sind dann für die hitzesuchenden Sensoren der Lenkwaffen ein leichtes Ziel. Doch was sich in der westlichen Welt mit einfachen Mitteln realisieren lassen würde, wird nicht gleichermaßen in den Ländern der Dritten Welt funktionieren. Die Unterwanderung durch terroristische Organisationen und Korruption bieten genügend Freiraum für Anschläge. Bleibt also die Ausrüstung der Flugzeuge mit defensiven Systemen als einziger Ausweg? Die Technologie ist längst vorhanden und wird im militärischen Bereich immer wieder den neuesten Bedrohungsszenarien angepasst. Eine Ausrüstung von zivilen Flugzeugen mit geringfügigen Modifikationen ist daher jederzeit möglich. Dort wo besonderer Schutz schon bisher notwendig war, gibt es diese Modifikationen bereits. So bietet beispielsweise Gulfstream für seine Geschäftsreiseflugzeuge optional ein Schutzsystem gegen infrarotgelenkte Lenkwaffen an. Das Störgerät wird hinter den Triebwerken am Rumpfausläufer montiert. Ein Fall für sich ist die amerikanische Präsidentenmaschine. Wie kein anderes ziviles und wahrscheinlich auch kein militärisches Flugzeug verfügt die Air Force One über ein umfassendes Schutzsystem. Die Details unterliegen strikter Geheimhaltung. Für die Bedienung der komplexen Systeme, die das Flugzeug sowohl vor radargesteuerten als auch vor wärmesuchenden Lenkwaffen schützen sollen, ist ein eigener Spezialist zuständig. Vor der Bedrohung durch leichte Lenkwaffen schützt ein Infrarotsensor, der eine abgefeuerte Rakete sofort erkennt und automatisch Gegenmaßnahmen einleitet. Das kann einerseits durch das Abfeuern sogenannter „Flares“ erfolgen oder die Rakete durch einen gebündelten Laserstrahl vom eigentlichen Ziel ablenken. Es sind diese zwei Komponenten, Warnsystem und aktive Abwehr, die jetzt auch für den groß angelegten Einbau in Verkehrsflugzeuge zur Diskussion stehen. Da ohnehin kaum Zeit für eine Reaktion seitens der Besatzung bleibt, muss sowohl Warnung als auch Gegenmaßnahme vollautomatisch erfolgen. Einzige Anforderung an das Warnsystem: Unverzügliche und zuverlässige Warnung und die Einleitung von Gegenmaßnahmen. Der Einsatz von „Flares“ scheidet aus Sicherheitsgründen eher aus. „Flares“ sind heiße Magnesiumfackeln, die Lenkwaffen der ersten Generation einfach ein heißeres Ziel als die anvisierten Triebwerke bieten. Diese, im Falle eines Angriffs in großer Zahl ausgeworfenen „Flares“ können am Boden allerdings Feuer entfachen und sind somit ein hohes sekundäres Sicherheitsrisiko. Darüber hinaus schützen sie nicht vor Lenkwaffen der zweiten Generation. Diese haben viel komplexere, gekühlte Suchsensoren, die nicht nur eine Wärmequelle, sondern ein Flugzeug als solches erkennen. Einziger Schutz vor diesen Waffen sind sogenannte DIRCM-Systeme, wobei DIRCM für „Directional Infrared Countermeasures“ steht. Um die angefeuerte Lenkwaffe in die Irre zu führen ist es notwendig, dass ein gebündelter Laserstrahl auf den Suchsensor des Flugkörpers gerichtet wird. Da kein Mensch über die notwendige Reaktionszeit verfügt, kann das nur ein vollautomatisches System garantieren. DIRCM-Systeme sind in kleinen drehbaren Türmen an verschiedenen Stellen des Rumpfes oder an den Triebwerkspylonen angebracht. Auf Grund ihrer Komplexität sind diese Systeme auch wesentlich kostspieliger als die „Flares“, die pro Stück nur wenige Hundert Euro kosten.

Christian Pöchhacker (140110)