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Ein Flugzeug verändert die WeltVier Jahrzehnte sind seit der Auslieferung des ersten Jumbo Jets an die damalige amerikanische Fluglinie PAN AM vergangen. Als größtes Flugzeug dominierte die Boeing 747 fast vierzig Jahre lang den internationalen Luftverkehr. Abgesehen von der Boeing 737 ist die 747 das am längsten in Produktion stehende Flugzeug. Und der Erstflug der neuesten Version, der 747-8, liegt erst wenige Tage zurück.

Die Wurzeln des Jumbo Jets gehen auf das Jahr 1965 zurück. Im August dieses Jahres diskutierten Boeing und Juan Trippe, der charismatische Vorstand von PAN AM, erstmals das Konzept eines Flugzeuges mit einer Kapazität von 350 Passagieren. Die Idee des ersten sogenannten Wide Bodies der Welt war somit geboren. Als Wide Body werden Flugzeuge mit zwei Gängen bezeichnet. Heute im Langstreckenbereich längst Standard, leitete dieses Konzept in den Sechziger Jahren eine Revolution im Flugzeugbau ein. Gerade dem Propellerzeitalter entwachsen, begannen Jetflugzeuge der ersten Generation die alten Flotten nach und nach zu ersetzen. Boeing hatte mit der 707 bereits einen ersten Durchbruch erzielt, McDonnell Douglas hatte mit der DC-8 ein erfolgreiches Konkurrenzmodell zur 707 entwickelt. Und noch während McDonnell Douglas über neue Varianten der DC-8 nachdachte, begann man sich beim Mitbewerber in Seattle mit einer völlig neuen Flugzeuggeneration zu beschäftigen. Bereits kurz nach den ersten Gesprächen, im Dezember 1965, unterzeichnete PAN AMs Juan Trippe eine Absichtserklärung über den Kauf von 25 Boeing 747. Der kommerzielle Startschuss war hiermit gefallen, es sollte aber noch bis Juli 1966 dauern, bis Boeing den formalen Start des Entwicklungsprogramms bekannt gab. Am 20. September 1968 konnte sich die Welt ein erstes Bild von einem Flugzeug machen, das den internationalen Flugverkehr revolutionieren sollte. Erstmals wurde der fertige Jumbo Jet aus den riesigen Fertigungshallen in Everett gerollt. Am 9. Februar 1969 absolvierte das, noch für beinahe vier weitere Jahrzehnte, größte Passagierflugzeug der Welt seinen Erstflug. Der erste Motorflug der Menschheit lag zu diesem Zeitpunkt gerade einmal 65 Jahre zurück.

 

EINE ERFOLGSSTORY FÜR BOEING

Bis die 747 eine wirtschaftliche Erfolgsstory für Boeing wurde, galt es noch zahlreiche Hürden zu überwinden. Nicht zuletzt drohten die Entwicklungskosten zu explodieren. Ursprünglich mit 500 Mio. US Dollar veranschlagt, verdoppelten sich die Ausgaben auf eine Milliarde Dollar. Zu diesen Zeiten eine gewaltige Summe, die das finanzielle Fundament des Unternehmens zu erschüttern drohte. Eine Lösung wurde insofern gefunden, als die finanzielle Last auf die zahllosen Zulieferer verteilt wurde. Auch der Erstflug war mit Problemen behaftet. Nicht nur, dass die Boeing 747 zwei Monate später als ursprünglich geplant abhob, gab es während des Fluges ein Klappenproblem zu bewältigen, das auch die Flugdauer verkürzte. In weiterer Folge gab es auch Probleme mit den neu entwickelten Triebwerken von Pratt & Whitney. Auch dabei handelte es sich um eine kleine Revolution, waren die JT9D doch als erste Motoren mit einem hohen Bypass-Verhältnis konzipiert. Was heute längst ein Standard ist, galt damals als bedeutende technologische Innovation. Immerhin war die 747, mit Ausnahme der wirtschaftlich wenig erfolgreichen Concorde, mit einer Geschwindigkeit von Mach 0,85 damals das schnellste Passagierflugzeug seiner Zeit. Zum Zeitpunkt des Rollouts zeichnete sich, zur Beruhigung des Herstellers, bereits ab, dass die 747 das richtige Flugzeug für eine neue Ära des Flugverkehrs werden sollte. Nicht weniger als 26 Kunden hatten bereits Aufträge für den Jumbo platziert. Darunter namhafte Flag Carrier von allen Kontinenten dieser Welt. Endgültig eingeleitet wurde Revolution im Jänner 1970 mit der Auslieferung des ersten Flugzeugs an PAN AM. Der kommerzielle Luftverkehr begann mit dem ersten Linienflug am 22. Jänner 1970 von New York nach London.

 

NEUE VARIANTEN

Kaum konnten die ersten Flugzeuge ausgeliefert werden, beschäftigte sich Boeing mit der Entwicklung neuer Versionen, um den unterschiedlichsten Anforderungen gerecht zu werden. Erste neue Variante war die 747B, die spätere Boeing 747-200, die sich äußerlich nicht von der Erstversion unterschied. Lediglich stärkere Triebwerke und damit verbunden ein höheres Gewicht ermöglichte den Airlines eine höhere Flexibilität. Nicht zuletzt hatte die Erstversion auch noch nach Linieneinführung mit zahlreichen Kinderkrankheiten zu kämpfen. Die anfälligen und wenig leistungsstarken Triebwerke bereitete den Erstkunden nicht wenig Kopfzerbrechen. Aus der 747-200 wurde auch die erste Frachtversion mit der unverwechselbaren aufklappbaren Nase konzipiert. Noch heute sind die unterschiedlichen Frachtversionen ein bedeutendes wirtschaftliches Standbein von Boeing. Immerhin 239 der gebauten 1.418 Classic-Versionen entfallen auf den Frachtbereich. Als bizarrste Version wird die 747SP wohl in die Geschichte der Luftfahrt eingehen. Als Antwort auf die DC-10 von McDonnell Douglas und die TriStar von Lockheed konzipiert, sollte die „Special Version“ der 747 den Kurz- und Mittelstreckenbereich abdecken. Doch schon damals, Mitte der Siebziger Jahre, war klar, dass ein Flugzeug in dieser Gewichtsklasse, noch dazu mit vier Triebwerken, kein Konkurrent zu Neuentwicklungen mit drei und in weiterer Folge nur mit zwei Triebwerken sein konnte. Und daher ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass von der 747SP nur 45 Flugzeuge verkauft werden konnten. Bei der nächsten Version, der 747-300, erkennbar am erstmals verlängerten Oberdeck, handelt es sich bereits um eine andere Geschichte. Als Erstkunde stellte Swissair die erste 747-300 1983 in Dienst. Schon kurze Zeit später begann sich Boeing mit einer radikal neuen Version der 747 zu beschäftigen. Ein Zwei-Mann Cockpit, eine vergrößerte Spannweite der Tragflächen und Winglets sind nur die bedeutendsten Veränderungen die diese neue populäre Version mit sich bringen sollte. Seinen Erstflug absolvierte die 747-400 am 29. April 1988, die Erstauslieferung erfolgte im Jänner 1989 an die amerikanische Fluglinie Northwest Airlines. Abgesehen von Varianten für den japanischen Inlandsflugverkehr sollte es in weiterer Folge still um die weitere Zukunft der 747 werden. Erst 2003 begann man sich bei Boeing mit einer Weiterentwicklung des Bestsellers zu beschäftigen. Ein Entwicklung, die nicht zuletzt vom europäischen Konkurrenten Airbus und seinem Mega-Flugzeug A380, beschleunigt wurde. Die sogenannte 747-Advanced, mittlerweilen als 747-8 bezeichnete neue Version, kann wiederum mit zahlreichen Neuentwicklungen aufwarten. Nicht zuletzt neue Tragflächen und neue Triebwerke sollen die neue Version fit für das 21. Jahrhundert machen. Allein die Verkäufe, besonders die der Passagierversion, laufen eher schleppend. Erst 32 747-8 der Passagierversion konnten an Lufthansa und Korean Air verkauft werden, während die Bilanz der Frachtversion bei 76 Einheiten steht. Ob sich die Passagierversion gegen den Mega-Airbus A380 auf Dauer durchsetzen wird bleibt abzuwarten. Ungeachtet dessen ist die Boeing 747 nicht nur ein Meilenstein der modernen Luftfahrt sondern auch eine Erfolgsstory der besonderen Art für den Hersteller Boeing.

Christian Pöchhacker (200210)